Die Perfektionismus-Falle ist nicht immer einfach zu erkennen
Die Perfektionismus-Falle ist nicht immer einfach zu erkennen

Die Perfektionismus-Falle

Das Streben nach Perfektion ist verführerisch. Perfektionisten haben einen hohen Anspruch an sich selber und auch an andere. Einerseits ist es eine hohe Qualität, wenn jemand Herausragendes leisten kann. Andererseits beobachte ich in der Beratungspraxis öfters, dass Perfektionismus unbewusst auch als "Schutzstil" benutzt wird.

Hinter Perfektionismus steckt oft eine Angst: "So wie ich bin, bin ich nicht gut genug". Perfektionisten haben den Wunsch, sich vor Kritik, Verurteilung oder Ablehnung zu schützen: durch perfekte Leistungen. Damit versuchen sie ihr Umfeld sozusagen "gnädig" zu stimmen. Perfektionismus garantiert vermeintlich Sicherheit und Schutz. So werden sie nicht infrage gestellt, abgelehnt oder für nicht "gut genug" befunden. Sie meinen, wenn sie perfekt aussehen, keine Fehler machen, keine Schwächen zeigen, dann können sie Kritik vermeiden und werden nicht zurückgewiesen. Im Grunde fühlen sie sich minderwertig und müssen das durch eine perfekte Leistung kompensieren.

Vergangenheit reflektieren

Oft liegen solche Ängste in der Vergangenheit begraben und beeinflussen dennoch unseren Alltag. Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen, welche Dynamik dahinterstecken kann, wie das Beispiel von Kai verdeutlicht:

Kai wurde als Kind ständig von seinen Eltern kritisiert. Er konnte es ihnen nie recht machen. Egal, was er machte, es war nie gut genug. Er fühlte sich klein, minderwertig, unscheinbar. Obwohl er später ein Studium absolvierte und heute eine Abteilung leitet, leidet er immer noch unter solchen Minderwerts-Gefühlen. Unbewusst hatte er sich aufgrund seiner Kindheitserfahrung festgelegt: "Mich wird nie wieder jemand kritisieren! Euch zeige ich es!" Mit überragenden Leistungen versucht er sich fortan zu beweisen, so dass ihn nie wieder jemand kritisieren oder ablehnen kann. Tief in sich trägt er unbewusste "Schattenkämpfe" aus. Nun ist es jedoch nicht mehr der kritische Vater oder die nörgelnde Mutter, sondern sein Chef, seine Partnerin, seine Freunde – und auch Gott.

Letztendlich kann niemand solch einem hohen Ideal entsprechen. Dies führt zu einer inneren Zerrissenheit und tiefen Müdigkeit. Perfektionisten sind sich selbst gegenüber meist die schärfsten Kritiker. In Gedanken gehen sie unbarmherzig und hart mit sich ins Gericht wie sonst niemand.

Wie gehst du mit deinen perfektionistischen Seiten um? Wo sind sie allenfalls förderlich und stimulierend? Aber wo erkennst du dahinter auch überhöhte Ansprüche an dich selber oder auch an andere. Wo setzt du dich und andere unbewusst unter Druck damit? Wie wirkt sich Perfektionismus bei dir in deiner Partnersuche oder in deinen Beziehungen aus?

Glaubenssätze erkennen

Oft laufen bei Perfektionisten unbewusst innere Selbstgespräche ab, wie z.B.: "Genüge ich überhaupt? Ich müsste anders, besser, etwas besonders sein, dann würde ich endlich ankommen, geliebt werden, nicht übersehen und auf gar keinen Fall abgelehnt werden." Solche und andere "Glaubenssätze" funkten auch im Kennenlernen und in zwischenmenschlichen Begegnungen immer wieder mit hinein und prägen unbewusst die Beziehungsdynamik.

Umdenken lernen

Wer sich vom Perfektionismus lösen will, muss die beschwerliche Reise von der Einstellung "Was werden bloss andere von mir denken?" zu der Haltung "Ich bin gut genug und genüge, so wie ich bin." unternehmen. Paulus lernte mit einer Schwäche zu leben, die ihm lästig war. Gott hat sie ihm trotz intensivem Gebet nicht abgenommen. Was sagte Gott ihm darauf zu? "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn gerade, wenn du schwach bist, wirkt meine Kraft in dir." (2. Korinther 12,10) Letztendlich war es nicht seine Grandiosität, seine Abstammung, seine Ausbildung, seine fromme Leistung, wie im Philipper 3 beschrieben, die ihn auszeichneten und besonders machten, sondern die tiefe Abhängigkeit von der liebevollen Zuwendung, Akzeptanz und Gnade von Jesus. "Durch meine Leistung kann ich vor Gott nicht bestehen, selbst wenn ich das Gesetz genau befolge (also perfekte Leistungen bringe – Anmerkungen des Autors). Was Gott durch Christus für mich getan hat, das zählt. Darauf will ich vertrauen." Phil. 3.9

Menschlichkeit umarmen

Nicht unser perfekt sein, unsere Leistung, unsere Fehlerlosigkeit zählen schlussendlich. Sondern alleine Gottes Gnade. Letztendlich sind wir alle eingeladen, aus dieser Vergebung, Liebe und Gnade zu leben und gleichzeitig die eigene Unzulänglichkeit und Fehlerhaftigkeit, ja unsere Menschlichkeit zu akzeptieren und uns damit auszusöhnen.

Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht gleichzeitig an uns arbeiten, uns von negativen Persönlichkeitsanteilen in unserem Leben verabschieden, neue Verhaltensmuster trainieren, Hilfe in Anspruch nehmen, etc. um zu wachsen, uns weiter zu entwickeln und reifer zu werden. Gleichwohl dürfen wir immer mehr lernen, eigene schwache Anteile, Begrenzungen und Schattenseiten anzunehmen und uns mit ihnen zu versöhnen. Dies führt in die Freiheit und auch in entspanntere Beziehungen. Dann müssen wir nicht mehr mit Perfektion allen beweisen, wie gut wir sind. Dann müssen wir auch nicht mehr befürchten, dass andere etwas an uns entdecken, was wir bisher hinter unserer perfekten Fassade zu verbergen versucht haben. So können wir aufatmen und es kommt mehr Freiheit, Frieden und Gelassenheit in unser Leben.

Perfektionismus überwinden

Unseren Perfektionismus loslassen bedeutet, der Liebeszusage in Daniel 10.19 "Hab keine Angst, denn Gott liebt dich! Friede sei mit dir! Sei jetzt stark und mutig!" immer mehr zu vertrauen, als den alten, kritischen, abwertenden Stimmen in uns, die wir noch von unseren Eltern her kennen und verinnerlicht haben. So kommen wir langsam zur Ruhe. Und aus dieser inneren Gelassenheit und dem versöhnt Sein mit sich selbst ziehen wir auch andere Menschen an, die sich ebenfalls in einem Reifungsprozess befinden.

Autor Christoph Hickert
Autor Christoph Hickert

Autor

Christoph Hickert ist Dipl. Coach & Supervisor BSO und psychologischer Berater in eigener Beratungs-Praxis in Männedorf (Schweiz).
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